Pädagogik
Das Lernzentrum
(Total Quality Education TQE) nach Deming, English, Hill und WildDas Lernzentrum ist ein Ort, an dem das Lernen vorherrscht und das Lehren dem Ziel untergeordnet ist, so dass der Lernende seine aktive Freude am Lernen behält. Im Lernzentrum wird davon ausgegangen, dass das Kind seine eigene Bedeutung erschafft (Montessori, Piaget). Dem Lernzentrum ist die Vorstellung inhärent, dass sich die Kinder mit der Welt auseinandersetzen und aus diesem Bemühen ihre eigenen Bedeutungen konstruieren. Es herrscht eine Zusammenarbeit ohne Gewinner und Verlierer vor, ein Win-win Ansatz mit Gemeinschaftsaktivitäten, ein gemeinsames Bemühen ein Ziel zu erreichen. Kooperative Lernformen erzeugen eine Atmosphäre, in der die Freude am Lernen überwiegt.
Jedes Kind hat bereits in seinen ersten sechs Lebensjahren in allen Lebensbereichen unglaublich vieles mit Erfolg gelernt - es kommt also nicht in die Schule, um nun mit "ernsthaftem" Lernen zu beginnen: Kinder brauchen in erster Linie Begleitung, Orientierung, Ermutigung, Disziplin und Liebe. Sie müssen nicht zum Lernen gezwungen werden. Dem Akt des Lernens wohnt die Vorstellung inne, dass es Freude macht und sich um seiner selbst willen lohnt. Das Lernzentrum ist eine Weiterführung und Erweiterung des bestmöglichen Zuhause, ohne starren Lehrplan, Zeugnisse und Abschlüsse. Das Konzept des Lehrers wird durch dasjenige des Lernbegleiters ersetzt.
Es gibt keinen Mangel an guten SchülerInnen, an guten Menschen, es gibt keinen Grund, warum nicht jeder Schüler einer Klasse Spitzennoten schreiben könnte. Jedem ist die Sehnsucht zu lernen angeboren, Lernen ist etwas Reines und Natürliches.
Notengebung ist ein wichtiger Faktor, der die angeborene Freude des Kindes zu lernen zerstört und so seine ganze Entwicklung schwächt.
Die Kinder finden im Lernzentrum ein "ausgewogenes Spielfeld" vor, in dem Kultur, Sprache und Umfeld nicht dazu führen, sie als "weniger intelligent", als "niedriger stehende Menschen" oder als "weniger wert" anzusehen. Das wahre Feiern der Vielfalt ist eine direkte Herausforderung der männlichen Dominanz in unserer Gesellschaft.
Die unterschiedlichsten Lehrmethoden und -strategien ermöglichen es allen Kindern erfolgreich zu sein. Es wird auf eine Einstufung der Kinder verzichtet. Stattdessen werden Aktivitäten einbezogen, die ein Gemeinschaftsgefühl, eine Gesamtsynergie erzeugen, die von einer zielstrebigen Gruppendynamik geprägt ist: ein Lernen um des Lernens willen, ohne Ansporn durch Noten. Es werden keine Verlierer durch ein gegeneinander Ausspielen der Schüler erschaffen oder durch eine künstliche Knappheit des Schulangebotes.
"Das Konzept von "schnellen" und "langsamen" Kindern hängt mit den "erwarteten Fortschritten" zusammen. In der normalen Schule ist die Schulroutine gelebtes Ritual, welches soziale Kontrolle durch sanktionierte Autoritäten legitimiert. Die Überwachung und Steuerung ihrer Bildung und Teile ihrer Lebensgestaltung und Lebenshaltung wird von den Schülern schliesslich als natürlicher Zustand "akzeptiert".
Jede Kultur erzeugt mittels Regierungsform, Sprache, Religion, Sitten und Ritualen, wie zum Beispiel das der Erziehung, ein Gefühl ihrer eigenen Bedeutung. Schulen dienen dazu, ein spezifisches Muster aufrechtzuerhalten. Sie sind weder demokratisch noch für eine ernsthafte Erkundung eben dieser Funktionen offen. Da es sich bei ihnen um aufgezwungene und geschlossene Systeme handelt, bewegen sie sich auf eine dominante Form kultureller Kontrolle und kulturellen Zwangs hin." (Hill, English)
Implikationen, die sich aus der Umwandlung der Schule in ein Lernzentrum ergeben:
- vom passiven zum aktiven Lernen
- von einem Lernen, das durch die Lehrpläne eingeschränkt ist zu einem Lernen, das die Lehrpläne bestimmt
- von stabilen zu flexiblen Lehrplänen
- von einem Lernen, das didaktisch ist, zu einem Lernen, das induktiv ist
- von einem Universum der Gesetze zu einem Universum vorläufiger Strukturen, die sich im Laufe der Zeit aufgrund neuer Informationen verändern
- vom Einsatz des Wettbewerbs als Motivation hin zu einem besseren Selbstverständnis, zu Kompetenz und Zusammenarbeit als Motivation
- von Techniken, bei denen die ganze Klasse unterrichtet wird, hin zu Kleingruppen und Individualisierung
- von Projekten innerhalb einer Methode zu Projekten als Methode
- von auferlegter Disziplin hin zu Disziplin, die dem erfolgreichen Lernen von Natur aus innewohnt
- von standardisierten Tests zu authentischer Bewertung
Das Total Quality Education Modell (TQE) ist ganzheitlich-umfassend und geht davon aus, dass wir nichts isoliert lernen. Wir lernen in Beziehung zu unserer Sicht von uns selbst; unseren Vorstellungen von unseren Erfahrungen aus der Vergangenheit; unserer Fähigkeit, uns zu verhalten, etwas zu vollbringen, etwas zu tun, und auch in Bezug auf unseren Approach an jedes Ereignis in unserem Leben.
Entgegen einiger Mythen, die in früheren Zeiten von Entscheidungsträgern und Gesetzgebern ins Leben gerufen wurden, gilt, dass der Lernprozess nicht durch Klassenlehrer bewirkt wird. Zu sagen, dass Lehrer das Lernen bewirken, wäre dasselbe, wie zu sagen, dass Ärzte Heilung bewirken würden. Lernen ist ebenso wie Heilung und Wachstum eine innere Dynamik, die biologische und psychologische Wurzeln hat und sich im Menschen selbst vollzieht. Allerdings kann diese innere Dynamik des Lernens durch gute Lehrer und Lernbegleiter unterstützt werden. Durch die aufgezwungenen Lernprozesse verfallen die meisten Schüler in eine Art Halbbewusstsein, das neben dem Schulbank drücken Raum für viele innere Aktivitäten öffnet.
"An diesem Halbbewusstsein der Schüler hat die Erziehung, die sich nach dem allgemeinen Wissen ausrichtet und nicht an der persönlichen Erfahrung, ein grosses Stück Schuld. Es werden Idealismen gelehrt, von denen man meist mit Sicherheit weiss, dass man sie nie erfüllen kann, und sie werden von Amtes wegen von denen gepredigt, die wissen, dass sie sie selbst nie erfüllt haben, noch je erfüllen" (C. G. Jung).
Schüler, die in der Schule schlecht abschneiden, gelangen zu der Überzeugung, dass die Ursachen für ihr Versagen bei ihnen selbst liegen und nicht am System, an dem sie gezwungen werden, teilzunehmen.
Die Ursache für das Versagen von SchülerInnen ist, dass das System Versagen einfordert. Versagen wird vom System als speziellen Grund behandelt und auf den Mangel an Initiative oder Intelligenz seitens der Schüler zurückgeführt. Auf diese Weise setzen sich die Fehler innerhalb des Systems fort, das System "entschuldigt" seine Fehler. Man geht davon aus, dass ein bestimmter Teil der Schüler in der Schule versagen wird. In unserer gegenwärtigen Gesellschaft können nicht alle Kinder als Gewinner hervorgehen, infolgedessen legitimieren die heutigen Schulen das Versagen der Schüler und das herrschende System.
Folglich kann die Schule auch ein Ort der Schwächung des Individuums und seiner Entwicklung sein. Leider gehen sogar viele erfahrene Pädagogen davon aus, dass ihre Erziehungspraktiken neutral sind. Versagen kommt von: sozialen Defiziten, Mängeln in der Erziehung. Gegenmittel: Extraportion Schulbildung. Es verwundert daher auch nicht, wenn Bildungspolitiker, Pädagogen und Wirtschaftsbosse glauben, dass Qualität nur durch rigorose Kontrollen verbessert werden kann und nicht durch Aktivitäten, die zur Schaffung von Qualität führen (Syndrom der Kontrolle). Meist wird schon vor dem ersten Schulbesuch wahrgenommen, wer ein Mensch mit Defiziten ist und wer nicht. Die vorherrschenden schulischen Praktiken bestätigen die Kinder und Jugendlichen darin, an die Prophezeiungen des Systems zu glauben. Um ein Problem des Systems zu lösen und zu überwinden ist aber eine systemische Lösung erforderlich.
In Wirklichkeit ist der menschliche Entwicklungsplan keineswegs auf die ersten 30 Jahre beschränkt, nur sind diese Entwicklungsetappen nicht mehr unbedingt durch äusseres Wachstum erkennbar. Es sind innere Bewusstseinsträger, die jetzt wachsen. Die grosse Schwierigkeit ist, dass die Bildung in unserer Kindheit von aussen programmiert wurde und wir im Allgemeinen nur eine blasse Ahnung bewahrt haben, dass Wachstum und Entwicklung in Wirklichkeit spontane Prozesse sind. Konnten wir etwas davon retten, geschah das trotz der uns zuteil gewordenen Erziehung.
Begegnen wir Kindern auf die richtige Weise, sind sie oft die natürlichste Therapie für uns Erwachsene anstatt Last und Opfer.
Von den Erwachsenen wird vieles von den Kindern viel zu früh erwartet. Die herangezüchteten Leistungen sind dann im Erwachsenenalter oft ohne lebendigen Inhalt und können nicht in schöpferische Handlungen verwandelt werden.
Die Lehrer mögen eine hervorragende Bildung haben, Pädagogen haben jahrelange Studien hinter sich und besitzen Fächerwissen, aber wenig ganzheitliches Wissen über die Jugendlichen die all das Wissen stapeln sollten. Die Verdauungsstörungen der Kinder werden in der Landbevölkerung durch genügend Auslauf noch einigermassen ausgeglichen, in der Stadt kompensieren die Kinder authentische Wachstumsbedürnisse mit dem immensen Angebot an Stimuli aus den Medien und der Unterhaltungsindustrie. Die Art und Weise der Zeittotschlagung der Kinder versetzt die Erwachsenen ihrerseits in Spannung, so dass die echten Bedürfnisse oft erst wahrgenommen werden, wenn sie zum Himmel schreien. Die Erwachsenenwelt hat das Gefühl, dass mit der heutigen Jugend etwas nicht mehr stimmt, und Jugendliche erzählen oft von einem Gefühl der Betrogenheit. Lösungen für Jugendprobleme werden wir erst finden, wenn wir die Lebensprinzipien der Interaktion zwischen dem menschlichen Organismus und seiner Umwelt respektieren.
Wenn man an unser Gesundheitssystem, die Hygiene, die zur Verfügung stehenden Spielsachen und das Heer von Kinderpsychologen und Pädagogen denkt, sollte man das vergangene Jahrhundert zu Recht jenes des Kindes nennen können. Trotzdem scheinen die Bedürfnisse alles andere als befriedigt zu sein. Viele Kinder sind apathisch oder aggressiv, auch wenn sie eine scheinbar reibungslose Kindheit verbracht haben und fühlen sich in Ihrer Persönlichkeit verletzt.
Nach Piaget heisst das Recht auf eine ethische und intellektuelle Erziehung mehr als nur das Recht, sich Wissen anzueignen, zuzuhören und zu gehorchen: Es ist vielmehr ein Recht, gewisse wertvolle Instrumente für intelligentes Handeln und Denken auszubilden. Dafür wird eine spezifische Umgebung benötigt, nicht aber Unterwürfigkeit gegenüber einem festen System.
Menschen mit guter Schulbildung leben häufig in der Illusion durch ihr logisches, lineares Denken Lösungen für die Probleme der Welt entwickeln zu können. Heute erkennt man, dass dazu vernetztes Denken notwendig ist, das in der heutigen Schulbildung - mindestens im wirklichen Sinne des Wortes - völlig ungenügend Platz findet, höchstens ansatzweise in fächerübergreifenden Unterrichtsformen vermittelt wird. Vernetztes Denken lernt man durch Interaktion in offenen Systemen. Bei gebildeten Menschen wird vernetztes Denken oft unbewusst durch Ideologien ersetzt. Unser ganzes Leben mit Kindern und Jugendlichen ist von Fäden gegenseitiger Manipulation wie ein Netz durchzogen. Wir glauben, die Dinge dadurch fest in der Hand zu haben und bemerken nur ahnungsweise, dass das Leben selbst durch dessen Maschen entwischt.
Wir ersetzen bedenkenlos innere Prozesse durch äussere Systeme der Belohnung und Strafe.
Das Lernzentrum ist ein Ort der ganzheitlichen Bildung für Schülerinnen, Schüler, Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter. Das Lernen hat hier keinen Abschluss, weder für die Jugend noch für die Erwachsenen. Das Leben ist Lernen.
"Erkläre mir und ich vergesse,
zeige mir und ich erinnere,
lass es mich tun und ich verstehe".
Konfuzius
zeige mir und ich erinnere,
lass es mich tun und ich verstehe".
Konfuzius
Literatur zum Lernzentrum:
- Fenwick W. English & John C. Hill: Vision einer Schule der Zukunft (Mit Kindern wachsen Verlag)
- Rebeca Wild: Erziehung zum Sein (Arbor Verlag Freiamt)
John C. Hill ist Professor für die Verwaltung des Bildungswesen am College of Education der Universität von Cincinnati. Er war Rektor verschiedener Mittelschulen. Er ist heute Dozent an der Universität von Maryland und von Dublin in Irland.
Fenwick W. English ist Professor für die Verwaltung des Bildungswesen am College of Education der Universität von Kentucky. Er ist in vielen US Bundesstaaten und sieben anderen Staaten wie Japan und Saudi Arabien als Dozent und Berater in Bildungsfragen tätig.
W. Edwards Deming war ein international gefragter Berater für Regierungen, Industrie und Bildung. Er starb 1993.
Er wirkte neben den USA in Mexiko, Japan, Taiwan, Deutschland, England, Frankreich, Griechenland, Türkei u.a.
Er wurde weltweit dutzende Male für seine Arbeiten ausgezeichnet.
Rebeca Wild studierte in München, New York und Puerto Rico Montessori-Pädagogik. Seit 1961 leitet sie in Ecuador ein Schul- und Fortbildungszentrum, wo alle Rassen und Schichten gemeinsam unterrichtet werden. Das von ihr und ihrem Mann gegründete Lernzentrum geniesst weltweite Beachtung.
"Selbst wer ansonsten keine Literatur über Erziehung liest, sollte mit den Büchern von Rebeca Wild seine Gewohnheit brechen". Österreichischer Rundfunk