Pädagogik

Dialogischer Musikunterricht

Einleitung

Der heutige Musikunterricht entspricht den Bedürfnissen unserer Jugend in den meisten Fällen nur noch ungenügend. Davon betroffen sind insbesondere Teenager, und dies sowohl im allgemeinen Singunterricht wie auch im Instrumentalunterricht.
Einerseits verhindert die direktive und lehrerzentrierte Methodik weitgehend das selbstinitiierte Lernen und andererseits ignoriert sie das dem Jugendlichen bereits innewohnende Verständnis für Ton und Rhythmus. Dieses Verständnis äussert sich vor allem auf körperlicher und emotionaler Ebene. Gefühl und Empfindung sind aber wohl die Hauptmotivation, sich mit Musik überhaupt auseinanderzusetzen und so müssten diese Aspekte im Approach sowohl im Einstieg in die Musik als auch in Krisen berücksichtigt werden.

Exkurs: Grundsätzliche Überlegungen zur Schule

Die heutigen Probleme in der Schule, den Lehrplänen, Lehr- und Lernmethoden sind ganz grundsätzlicher Natur. Sie liegen weder bei den Schülern noch bei den Lehrern. Sie sind systembedingt. Dem Kind und Jugendlichen überlässt man den kleinsten Anteil an seiner eigenen Bildungsarbeit. Von den meisten Pädagogen und Eltern wird die Kindheit als Durchgangsstadium zum Erwachsensein betrachtet und nicht als wesentliches (wesenhaftes) eigenes Stadium in der Menschwerdung. In dieser Haltung werden zu viele Bedürfnisse des Kindes vom Erwachsenen bestimmt.

Die Ordnung im Kinde wird von aussen diktiert. Wie es um die innere Ordnung eines Kindes steht, interessiert immer erst dann, wenn ein Kind krank, übernervös oder über alle Massen ungezogen ist oder still wird.

Trotz gegenteiliger Forschungsergebnisse wie diese u.a. von Maria Montessori oder Jean Piaget erbracht wurden - glaubt man noch heute, die Aufgabe und Pflicht der Erwachsenen sei es, das Kind zu formen und durch Gehorsam und Disziplin zu erziehen, um es gesellschaftsfähig zu machen. Man geht davon aus, ohne eine direktive Erziehung und Bildung würden Jugendliche nicht unabhängig und erfolgreich im Leben. Die Pädagogik gibt den Erwachsenen Ratschläge, wie sie die Erziehungsarbeit am besten durchführen können. Sie gibt Hilfen für den Erwachsenen, aber nicht für den Jugendlichen, der sich vielleicht gerade gerne etwas anderem, "wichtigerem" zuwenden würde, als das vom Erwachsenen vorgesehene. Das Kind wird so zum Objekt der Erziehung und auch zum Objekt des Unterrichts. In der Beziehung zwischen Erwachsenen und Jugendlichen klafft hier ein riesiger Graben auseinander, der Kampf auslöst. Wachsen eigentlich die Eltern für das Kind, formen die Erzieher den Charakter, bilden die Lehrer den "Mind"? Die Aufgabe von Erziehung und Bildung wäre es, eine harmonische Beziehung zwischen zwei Welten mit ganz verschiedenen Wesenszügen zu schaffen. Kinder arbeiten nicht zielbewusst und mit geringstem Kraftaufwand, sondern beobachten und sammeln Erfahrungen. Natürliches Lernen mutet chaotisch an, weil es nicht linear ist, sondern spiralförmig. Die Erwachsenenwelt sollte nicht nach einer überlegenen Art eines mächtigen Erziehers trachten, sondern eine verständnisvolle Einstellung erwerben, aus dieser heraus eine Umgebung entstehen kann, in der das Kind mit Freude lernt. Eltern die durch Aufmerksamkeit und Bescheidenheit die Wesenszüge der Kinderwelt entdecken, werden ihrerseits zu Lernenden. Innerhalb einer solchen, wie Maria Montessori sagt "vorbereiteten Umgebung", kann pädagogisch gehandelt werden und die verschiedenen Lebensrhythmen angeglichen werden.

Kinder und Jugendliche müssten in der heutigen Zeit viel mehr in ihren Interessen unterstützt und begleitet werden (Coaching). Allgemeinbildung sollte in Lernzentren, in denen das miteinander Lernen gelebt wird, vermittelt werden, und das Lehren schliesslich müsste die sensitiven Lernphasen der SchülerInnen einbeziehen können, anstelle von Wettbewerbsmechanismen, die künstlich Verlierer und Gewinner produzieren.

Auch entwickelt sich Bewusstsein und Technik heute so schnell, dass Jugendliche beispielsweise von neuen Medien nicht selten mehr und schneller verstehen als ihre Lehrer.
Sehnsucht und Streben der Jugend ist die Loslösung von den Erwachsenen hin zu einer freien, unabhängigen Persönlichkeit. Hier sind einerseits Bescheidenheit und Geduld der Lehrer gefordert, aber hier ist andererseits auch ein unerschöpflicher Fundus gegenseitigen Lernens gegeben.
Als Vorbereitung für das Leben sind heute nicht nur Grundlagen eines bewahrenden Wissens zu vermitteln, sondern auch neues Wissen, dessen Lehrpläne idealerweise in einem dialogischen Prozess gemeinsam mit den Schülern entstehen. Die älteren Generationen nehmen diesen Paradigmawechsel vielleicht gar nicht wahr, sind aber leider die bestimmende Kraft. Wenn den Jugendlichen in der Schule entsprechende Gefässe, Zeit und Coaches zur Verfügung stünden, würden sie forschen und möglicherweise selbst neue Inhalte finden. Vielleicht würden sie neue Lernumgebungen, dialogische Lehr- und Lernmethoden und vieles mehr entwickeln.
Eines der grossen Defizite der Schule ist, dass sie nach wie vor eine Institution der Dressur ist und dem Kinde die ihm innewohnende natürliche Eigenart und Eigenständigkeit zugunsten kollektiver Lernziele austreibt, anstatt sie zu fördern und auszubilden (Piaget, Montessori, Demings, u.a.). Die Pädagogik ist nicht den sensitiven Phasen des Kindes entsprechend motiviert und eingesetzt.

Es ist unglaublich, was der Mensch in den ersten sechs Lebensjahren schon alles gelernt hat, bevor er je eine Schulbank gesehen hat, vorausgesetzt er kann in einer einigermassen intakten, auf keiner Seinsebene gewalttätigen Umgebung aufwachsen. In einem solchen Lernen wird von einem inneren Entwicklungsplan alles zur richtigen Zeit selbst initiiert. Dem gesunden Kind ist eine geradezu grenzenlose Sehnsucht nach Lernen angeboren, so dass es mit sechs Jahren manuelle, soziale und psychologische Fähigkeiten hat, die es nie mehr in dieser Geschwindigkeit weiterentwickeln wird.

Dies ist alles geschehen, bevor eine Schulbank oder eine Kindergartenumgebung Alltag wurden. Dass Erwachsene auf die Idee kommen, in der Schule den Beginn ernsthaften Lernens zu sehen, ist schlicht absurd. Die Situation des Klassenzimmers mit einem Lehrer vorne, der Wissen nach einem Lehrplan an ein Kollektiv weitergibt, ist unnatürlich, sie entspricht nicht der Lebens- und Lernsituation eines Kindes, und hier beginnt die Sehnsucht nach Lernen und Wissen zu einem Besorgnis erregenden Teil verloren zu gehen. Wenn man sich die staunenden Kinder in der Unterstufe vor Augen führt, klingt das wie ein Widerspruch, aber leider werden die Kinder erst nach und nach von den LehrerInnen durch die direktive Unterrichtsform enttäuscht. Die Enttäuschung bleibt vorerst verborgen und tritt im allgemeinen erst nach einigen Jahren in verschiedensten Formen (Passivität, Auffälligkeit, Konzentrationsmangel, Tagträumen usw.) zutage. Diese Probleme diagnostiziert man als Defizite oder psychische Krankheitssymtome und begegnet ihnen mit Stützunterricht und medizinischer Betreuung. Dass die Manifestationen systembedingt sind, scheint vordergründig niemand zu interessieren. Die Ausnahme bilden die autoritär erzogenen Kinder, die sich entsprechen ihres gewohnten Umfeldes auch in der Schule Direktiven wünschen.

Es sei an dieser Stelle die Hoffnung ausgesprochen, dass unsere Gesellschaft die Schule in diesem Jahrhundert nicht nur reformiert, sondern in Lernzentren verwandelt, wo das Zentrale das Lernen fürs Leben, das verbindende Miteinander der Menschen ist und die Lernphasen der Schüler respektiert werden anstelle der kollektiven Wissensvermittlung und des verherrlichten Wettbewerbs.

Mit etwa 12 Jahren ist das Selbstvertrauen eines gesunden Kindes soweit entwickelt, dass es Sinn machen kann, nicht nur im Spiel zu gewinnen und zu verlieren, sondern auch in ein oder zwei Schulfächern Leistungswettbewerb zu üben. Schwerpunkt einer zukünftigen Schule sollte aber immer das Miteinander und das selbstinitiierte Lernen sein. Leider sind die Reformer zurzeit auf gegenteiligem Kurs. Den Kindern droht heute die Einschulung schon mit sechs Jahren und bald einmal Standardtests. In Gymnasien müssen Minusnoten doppelt kompensiert werden. Einseitig Begabte werden zu Verlierer dieses Systems gemacht und anstelle einer Förderung ihrer Begabung folgt das Aus in der Schule. Oft bilden sich in solchen jungen Menschen Gefühle des Ungenügens, die sie möglicherweise lebenslänglich begleiten werden.

Gelinderte Problematik im Instrumentalunterricht

Im Musikinstrumentenunterricht ist die Situation etwas gelindert, weil das Kind oder der Jugendliche im allgemeinen eine Wahl getroffen hat und durch den instrumentalen Einzelunterricht selbst Einfluss auf das Geschehen nehmen kann, sofern dies die Kompetenzen des Musiklehrers erlauben. Trotzdem ist auch dieser Unterricht stark beeinflusst durch die schulischen Lehrmethoden, durch den Status der klassischen Musik, durch die meist genauen Haltungs- und Klangvorstellungen der Lehrer und durch das Notenlesen. Auch hier ist nur ein grosser Wandel Not wendend.

Notenlesen erfordert Abstraktionsvermögen, das dem lebendigen inspirierten Musizieren zuwiderläuft, sehr häufig aber auch für immer den natürlichen Zugang zur Musik verschliesst.

So trivial das klingen mag, Noten sind keine Musik. Sie sind lediglich eine dürftige Abstraktion von Frequenz und Zeiteinteilung. Noten sollten denjenigen vorenthalten werden, die klassische Werke reproduzieren wollen oder selbst ein klares Bedürfnis haben, Noten lernen zu wollen.
Künstler und Pädagogen anderer Kunstrichtungen (Bild, Skulptur, Tanz, Photographie) haben den Aufbruch in eine freie dialogische Annäherung in die Ausdrucksformen ihrer jeweiligen Kunstform längst gewagt. Um sich tanzend auszudrücken, quält man sich nicht mehr unbedingt auf Spitzen herum - um gestalterisch zu arbeiten ist Abzeichnen, perspektivisches Zeichnen und Michelangelo nicht unbedingte Voraussetzung. Eine Ausnahme mag hier eine gymnasiale Allgemeinbildung sein, die auch eine Aufgabe der Wissensbewahrung wahrnimmt und eine Vorbereitung für die Universitäten.

Die gesellschaftliche Entwicklung und das wirtschaftliche Umfeld fordert selbstständige, initiative, flexible und motivierte junge Leute, bietet ihnen aber eine von Psychometrikern diktierte Bildung, die mit dem aktuellen Lebensplan des jungen Menschen nur sehr zufällig etwas zu tun hat.

Die Bildungspolitik wählt von den unendlich vielen Erkenntnissen der Menschheit aus, was sie für die Schule als wichtig erachtet. Es wird sorgfältig abgewogen, was in welchem Umfang und Zeitraum in welchem Entwicklungsstadium aufgenommen werden kann - ein Gymnasiast hat heute eine Fünfzig-Stunden-Woche. Weil aber in jeder Klasse ein paar ganz Gescheite sitzen, die neben ihren individuellen Lebensplänen auch noch den Lehrplan der Schule verdauen können, geht man davon aus, dass die anderen ein Defizit haben müssen, wenn sie schlechte Noten schreiben. Den Schülern werden so genannte Grundlagen vermittelt und das Lernen soll geordnet und logisch verlaufen, wo jeder lebens-erfahrene und lebensfroh gebliebene Mensch bezeugen kann, dass Lernen chaotisch und ungeordnet ist. Die sensitiven Lernphasen folgen einem inneren spiralförmigen Entwicklungsplan, innerhalb dessen Neues auch wirklich aufgenommen werden kann. Lernen verläuft erfahrungsgemäss nicht linear.

Die heutige Schule vermittelt Wissen auf Vorrat, von dem der grösste Teil nicht verwertet wird!

Lehrpläne der Zukunft werden flexible, mit den Lernenden ausgehandelte Lernprozesse darstellen, deren Grundlage der jeweilige Kontext ist und nicht gesellschafts- und bildungspolitische Sachzwänge, die alle zehn bis zwanzig Jahre angepasst werden. Bildung und Anwendung gehören zusammen. Dass Schule dem Menschen gerechter werden könnte als wir es heute erleben, zeigen viele Beispiele von Montessorigymnasien in Deutschland, Frankreich und England und viele Pilotprojekte auf der ganzen Welt (siehe Literaturhinweise).
Im Musikinstrumentalunterricht ist dialogisches Lehren und Lernen naheliegend und viel einfacher umzusetzen als im Klassenunterricht.

Musik- und Kunstunterricht im allgemeinen könnten mit nicht direktiven, dialogischen Unterrichtsformen ein neues Bildungszeitalter einläuten.

Sowohl theoretische wie praktische Grundlagen sind durch Piaget, Montessori, Wild, Demings und viele andere grosse Pädagogen der letzten hundert Jahre gegeben.

Der dialogische Instrumental- und Musikunterricht

Ziel zeitgemässen Instrumental- und Musikunterrichts ist die Eigenständigkeit der Schülerin und des Schülers. Die Fähigkeit selbstständigen Lernens und Arbeitens hat oberste Priorität, nur auf diese Weise kann Musizieren auch später zu einem bleibenden Bestandteil des Lebens werden. Der musizierende Jugendliche ist auf seiner technischen und ausdrucksmässigen Stufe idealerweise sein eigener Lehrer.
Die Musiklehrerin hat eine Begleitfunktion (Coach). Sie soll die Schülerin durch dialogischen Unterricht dahin lenken und begleiten. Bei Anfängern steht das gehörsmässige Unterscheidungsvermögen im Vordergrund, bei fortgeschrittenen Schülern die Arbeit mit allen musikalischen Ausdrucksparametern. Die Parameter (siehe Kasten) werden in einer solchen Einfachheit angegangen, dass umgehend praktisch und dialogisch gearbeitet werden kann. Während der Arbeitswoche wird selbstständig musiziert und ausprobiert. Alle Experimente und deren Ausdruck werden mit Bleistift skizziert, um in der nächsten Lektion selber zu kommunizieren.

Die neun wichtigsten Ausdrucksparameter der Musik

  1. Klangfarbe
  2. Dynamik (Abstufung der Tonstärke)
  3. Agogik (lebendige Temposchwankung)
  4. Artikulation (getrennt, getragen, gehalten, gebunden)
  5. Phrasierung (Atem und Gliederung)
  6. Charakter (Klangsprache) z.B. fröhlich, besonnen, beschaulich, lyrisch usw.
  7. Ornamentik (Verzierungslehre)
  8. Stimmenführung
  9. Styl (Epoche, Zeitgeist)
Instrumentale Technik ist Mittel zum Zweck, nie Selbstzweck.
Die Qualität der Musik liegt in der Empfindung und dem Ausdruck. Je mehr Empfindung und Ausdruck, umso höher die Qualität der Musik, natürlich nur soweit die technischen Anforderungen erfüllt sind.

Ein Unterrichtsbeispiel mit Anfänger (1./2. Jahr):

Eine Phrase wird zusammen dynamisch eingeübt, so dass sie p, mf und f gespielt werden kann. (Hier kann die Empfindung der Abstufungen thematisiert werden und an der Konstanz der Dynamik gearbeitet werden.
Dann wird dieser ersten Phrase eine zweite dazugesellt und im Atem gespielt, wie wenn sie gesungen würden. Auf jeder technischen Stufe, ob Gesang oder Instrument, ist der Atem die Nahrung und der Schlüssel inspirierten Spiels.
Mit diesen zwei Parametern (Dynamik, Atem/Phrase) arbeitet die Schülerin selbständig an neuen Teilen desselben oder eines neuen Stückes bis zu einem klaren Erfolgserlebnis der selbständigen Gestaltung. Auf der Basis dieses positiven Erlebnis kann Gestaltungs- und Ausdruckswillen wachsen.
Je nach Verständnisgrad und Interesse werden melodische, rhythmische, harmonische, motorische oder metrische Entsprechungen, Korrespondenzen oder Ergänzungen in den Phrasen des Stückes im Gespräch erörtert.

Im weiteren Verlauf der Zusammenarbeit werden neue Parameter wie Agogik, Artikulation oder die Entwicklungen zu Höhepunkten, das Gestalten der Nahtstellen, schwere oder leichte Auftakte, Proportionen usw. dazukommen. Das Ganze soll dosiert und ohne Druck geschehen. Das Tempo bestimmt der Schüler. Masstab ist das persönliche Bedürfnis des Lernenden. Hingegen soll der Coach die Schülerin im Unterricht durchaus aus der Defensive, einer eventuell passiven oder kosumorientierten Haltung holen, so dass die gemeinsame Zeit für beide anregend ist und zum Arbeiten und Forschen verleitet.
Hat der Schüler nicht üben können, ist das kein Grund die Zeit nicht genauso intensiv für Dialog und Musik zu nutzen. Im Musikunterricht darf es den bekannten Lehrsatz: "Üben Sie es nochmals"! nicht mehr geben.

Ein typisches Merkmal unzeitgemässen Musikunterrichts ist das Ausbleiben des Dialogs. Der Lehrer heisst die Schülerin willkommen, stimmt womöglich sogar das Schülerinstrument, hört sich die Schülerin an, korrigiert, wiederholt und belehrt erneut, arbeitet vielleicht detailliert an schwierigen Stellen, um die Schülerin dann für eine Woche mit guten Ratschlägen zu entlassen, die vielleicht aufgenommen wurden, vielleicht aber auch nicht.
Das Wichtigste ist im Musikunterricht die Selbstständigkeit des Schülers. Das oben beschriebene Szenario ist die schlechteste Voraussetzung dafür, dass der Schüler - auf seiner aktuellen Stufe - sein eigener Lehrer wird. Aber nur das erhält die Motivation ein Instrument über längere Zeit weiterzuspielen, den Weg und seine Teilziele anzuerkennen und somit auch durch freien Willen Krisen überwinden zu wollen und Musik zu leben und zu kommunizieren.
Der musizierende Jugendliche ist also idealerweise auf seiner technischen Stufe und auf der Stufe seiner Ausdrucksfähigkeit sein eigener Lehrer. Der Musiklehrer hat eine Begleitfunktion (Coaching), er soll den Schüler dahin lenken und begleiten.
Wenn Gymnasiastinnen und Gymnasiasten nach abgeschlossener Maturität selbständig weitermusizieren (was leider ein Minderheit ist), sind sie entweder so begabt, dass der Lehrer ohnehin schon (womöglich ohne dass er es bemerkt hat) eine Coaching -Funktion innehatte, oder der Lehrer war tatsächlich bewusst fähig, die Schülerin in die Selbstständigkeit zu führen.

Die Investition in den Dialog zwischen Schülern und Lehrpersonen nimmt viel Zeit des Unterrichts in Anspruch, ist aber Grundlage jedes selbständigen Musizierens und daher als grossen Gewinn zu werten.

Die Chancen eines späteren Weitermusizierens nach der Schulausbildung ist durch den dialogischen Musikunterricht um ein mehrfaches höher als nach einem lehrerzentrierten Unterricht.

Die Kompetenzen für einen Dialog im Musikunterricht können von Lehrpersonen und Schülerschaft gemeinsam erlernt werden und durch Supervision einer Drittperson verbessert und vertieft werden.

Voraussetzung für ein Gelingen des dialogischen Unterrichts ist der Verzicht auf aktives frontales Belehren der Schüler zugunsten eines Tandem Ideenaustausches. Der Unterricht soll auch nie auf den Defiziten der Schüler aufgebaut werden, sondern immer auf dem, was sie können und ihnen in ihrem persönlichen Musizieren Selbstvertrauen gibt und Freude breitet.

Höchstes Ziel des Instrumentalunterrichts soll die Eigenständigkeit des Schülers sein.
Die Schülerin ist auf ihrer aktuellen technischen und musikalischen Stufe ihre eigene Lehrerin.


Möglicher Verlauf einer Unterrichtseinheit:

1. Die ersten Minuten

Am Anfang der Lektion ist neben einem kurzen Begrüssungsgespräch der Kontakt zum Instrument und zum Raum wichtig.

Selbständiges Stimmen, Einspielen, Einsingen, Aufwärmen Gymnastik, Isometrik, Isotonik usw. nehmen die ersten Minuten der Lektion ein, eventuell bereits begleitet von Themen bezogenen Gesprächen oder je nachdem zur Lockerung auch von Small-Talk.

2. Die Schülerin/der Schüler äussert sich zur Arbeit der vergangenen Woche.

3. Auswahl eines musikalisch sinnvollen (in sich abgeschlossenen) Teiles eines erarbeiteten Stückes, Grooves, Riffs oder Licks.

4. Dialog über das bereits Gelungene oder Zufriedenstellende des Vorgetragenen
(Technik, Klang, Rhythmus, Takt, Phrasierung, Dynamik, Agogik, Interpretation usw.)
Im allgemeinen ist es bedeutend schwieriger, sich positiv zum eigenen Spiel zu äussern als Kritik zu üben. Positives anzuerkennen ist eine wichtige Voraussetzung, sich selber richtig einzuschätzen. Als erstes soll der Schüler sich zu dem äussern, was er am Vorgetragenen gut findet und wenn möglich begründen. Anschliessend entsteht ein Dialog - immer noch nur über das Positive. (Je älter die Jugendlichen, umso mehr sind sie auf ihre Defizite konditioniert, dies ist einer der schlechten Auswüchse unseres Bildungssystem und kann im persönlichen Dialog etwas gelindert werden.)

5. Dialog über das Fehlende und Fehlerhafte
(Technik, Rhythmus, Takt, Phrasierung, Dynamik, Agogik, Interpretation usw.)
Als erstes soll sich wiederum die Schülerin dazu äussern, was sie am Vorgetragenen noch nicht gut findet und erste Ansätze zur Lösung formulieren. Im Dialog werden kurz- und langfristige Ziele und Arbeitsstrategien ausgearbeitet.

6. Dialog über folgende Inhalte:
Was ist in der nun folgenden Übphase zuhause das Wichtigste? Welche kurzfristigen (eventuell auch langfristigen) Ziele strebe ich an?

(Im Text wird mit weiblichen und männlichen Anrede abgewechselt, gemeint sind aber immer beide Geschlechter)